Während viele die Feiertage im Kreise ihrer Familie genießen, ist Weihnachten für Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, oft eine besonders schwierige Zeit. Ulf G., der seit vier Jahren auf der Straße lebt, hofft, dass im neuen Jahr alles besser wird.
Ulf G. stellt sich jeden Morgen einen Wecker. „Routine ist mir sehr wichtig. Wenn ich verschlafe, ärgert mich das“, erzählt der 43-Jährige, der seinen Schlafplatz schon seit längerer Zeit immer am selben Ort hat. Nach einer Morgenzigarette macht Ulf sich auf den Weg ins nahegelegene Caritas Café. Dort wird er von einigen Männern, die bereits vor der Türe warten, freundlich begrüßt – man kennt sich untereinander. Ulf übernimmt in der Gegend eine Art Aufpasserrolle. Unter anderem achtet er darauf, dass niemand Flaschen auf den Boden wirft. „An den Glasscherben könnte sich jemand verletzen“, sagt Ulf. Wenn er trotzdem Scherben entdeckt, was immer wieder vorkomme, kehrt er diese zusammen. Der kontaktfreudige Mann sorgt sich um die anderen Menschen, die wie er von Obdachlosigkeit betroffen sind und ruft die Rettung an, wenn er sieht, dass es jemanden nicht gut geht. „In den letzten Monaten musste ich so oft dort anrufen, dass sie mich inzwischen bereits kennen.“
Wenn Ulf sich in der Sozialeinrichtung aufwärmen und eine Tasse Kaffee trinken kann, fühlt er sich wohl. „Die Leute sind alle sehr nett hier. Sie sind wie eine Familie für mich.“ Wenn möglich, nimmt er am Vormittag am Waldprojekt der Caritas teil. Neben den Tätigkeiten im Wald wird auch ein Garten bewirtschaftet und bei Schlechtwetter werden aus Gebrauchtkleidern, die nicht mehr getragen werden können, Putzlappen hergestellt. „Ich arbeite hier sehr gerne mit“, so Ulf. Die Arbeit gibt seinem Tag eine Struktur und darüber hinaus kann er sich auch ein kleines Taschengeld verdienen.
Ulf ist in Ostdeutschland geboren und hat bereits viel von der Welt gesehen. Als Monteur war er unter anderem in Kanada, Holland und der Türkei. Als ihn eine Arbeitsauftrag vor knapp 15 Jahren nach Vorarlberg führte, wusste Ulf: „Hier will ich bleiben.“ Der aufgeschlossene Mann fand eine Arbeit als Beikoch im Raum Feldkirch und startete in ein neues Leben. Doch einige Jahre später warf ihn eine Reihe von Schicksalsschlägen aus der Bahn. „Meine Eltern und meine Geschwister starben. Kurz darauf wäre ich selbst fast gestorben“, erzählt der Vater einer Tochter. Er verlor seinen Job und in Folge auch seine Wohnung, weil er die Miete nicht mehr bezahlen konnte.
Inzwischen ist Ulf seit vier Jahren ohne festen Wohnsitz. Das Leben auf der Straße ist hart. Es kommt immer wieder zu Gewalt und Ulf werden regelmäßig Drogen angeboten, die er aber konsequent ablehnt. Seinen Schlafplatz hat er sich gemeinsam mit zwei Freunden in einem leerstehenden Gebäude eingerichtet. „Es ist windstill und dank meines Schlafsacks und einer Plane ist es nicht so kalt“, zeigt sich Ulf trotz allem zufrieden. Tagsüber verbringt er viele Stunden im Caritas Café, wo er sich aufwärmen kann, ein warmes Mittagessen bekommt und immer jemand zum Plaudern findet. „Die sozialen Kontakte sind mir sehr wichtig“, sagt Ulf.
Auch den 24. Dezember wird Ulf mit seinen Freunden im Caritas Café verbringen und an der Feier dort teilnehmen. „Früher habe ich mit meinem Papa den Baum geschmückt. Das war immer sehr schön“, erinnert er sich an seine Kindheit zurück. Inzwischen bedeutet ihm das Weihnachtsfest nicht mehr viel. Sein größter Wunsch ist es, eines Tages mit seiner Tochter den Weihnachtsbaum schmücken zu können. Denn Ulf ist der Kontakt zu seiner inzwischen 14-jährigen Tochter, die in Leipzig wohnt, derzeit untersagt. Zum letzten Mal gesehen hat er sie, als sie zwei Jahre alt war. Der 43-Jährige hofft, dass ihn seine Tochter besuchen kommt, sobald sie volljährig ist. Zuvor möchte Ulf aber wieder ein eigenes Zuhause finden. In einem ersten Schritt hat er seinen Alkoholkonsum reduziert und sich für einen fixen Job beworben. Wenn alles gut geht, dann kann er bereits im Jänner an seinem neuen Arbeitsplatz beginnen. „Das neue Jahr soll besser werden“, sagt Ulf hoffnungsvoll.