Armut verfestigt sich – Caritas warnt und hilft 1.000 Familien in Vorarlberg

Es sind zwei gegenläufige Entwicklungen, die der Caritas in Bezug auf die Situation armutsbetroffener Menschen im Land große Sorge machen: Zum einen hat sich die Zahl jener Menschen, die mit ihrem Einkommen kein Auskommen finden, verfestigt und die Situation vieler betroffener Familien hat sich verschlechtert. Zum andern wird im Sozialbereich gleichzeitig an allen Ecken und Enden gespart. „In meinen zehn Jahren bei der Caritas war mir diese Pressekonferenz deshalb noch nie so wichtig wie heuer“, machte Caritasdirektor Walter Schmolly gleich zu Beginn des Pressegesprächs im Caritas Café in Feldkirch die Dringlichkeit des Themas deutlich.

„Wir gehen auf den Winter und auf Weihnachten zu. Gerade in dieser Zeit wünschen wir uns, dass alle Familien und Haushalte in unserem Land zuversichtlich leben können und in der Gewissheit, dass die Entbehrungen, mit denen sie Tag für Tag zu kämpfen haben, kein ewiges Schicksal sind. Wir wissen, dass in den nächsten Wochen und Monaten 1.000 und mehr von Armut betroffene Haushalte und Familien bei der Caritas Hilfe suchen werden. Ihnen wollen wir helfen. Um das tun zu können, bitten wir um Unterstützung durch Spenden“, brachte Walter Schmolly das Anliegen der Caritas auf den Punkt.

Wenn wir von Armut sprechen – was meinen wir damit?
Als „manifest arm“ gilt laut der von der EU festgelegten Definition, wer mit schwerwiegenden Entbehrungen leben muss. Zu den Kriterien für manifeste Armut zählen beispielsweise, dass es für einen Haushalt nicht möglich ist, Miete, Betriebskosten oder Kredite pünktlich zu bezahlen, den Wohnraum angemessen zu heizen und dass keine finanziellen Reserven vorhanden sind. Laut Statistik Austria müssen österreichweit circa 3,7 Prozent der Bevölkerung ein Leben mit solchen schwerwiegenden Entbehrungen führen. Auf Vorarlberg heruntergebrochen bedeutet das zwischen 12.000 und 14.000 von manifester Armut betroffene Menschen.

Wie schaut ein Leben in Armut in Vorarlberg konkret aus: zwei Berichte aus dem Alltag des Helfens.
Patricia Wieser, Sozialarbeiterin im Caritascafé, das für viele Menschen ein letzter sicherer Ort ist, erzählt das Beispiel einer jungen Frau: „Das erste Mal traf ich sie vor drei Jahren bei einer unserer Streetwork-Runden. Wir kamen immer wieder ins Gespräch, und je mehr Vertrauen sie zu mir aufbauen konnte, desto mehr erzählte sie mir von ihrer Lebensgeschichte – einer Geschichte, die von Gewalt und Missbrauch geprägt war: Sie ist Mutter zweier Mädchen. Betroffen berichtete sie mir eines Tages, dass mehrere ihrer Partner auch gegenüber den Kindern gewalttätig waren. Das führte schließlich dazu, dass eine enge Verwandte eine Meldung bei der Kinder- und Jugendhilfe machte, seither leben die Kinder bei ihrer Mutter. Diese junge Frau besucht uns regelmäßig. Sie lebte in dieser Zeit fast ausschließlich auf der Straße. Ihre größte Motivation für Veränderung, für eine weitere Therapie oder einen Entzug, waren und sind ihre Kinder – doch die Sucht ist zu stark. Alle Versuche für eine Therapie oder ein sicheres und stabiles Wohnverhältnis scheiterten, die junge Frau ist mittlerweile gesundheitlich stark angeschlagen. Ihr Körper leidet unter der Situation, was sie letztlich nur noch tiefer in die Sucht treibt. Sie lebt zwar noch immer gemeinsam mit ihrem Partner auf der Straße und übernachtet bei Wind und Wetter in einem nassen, kalten Bretterverschlag, doch sie schafft es, täglich zu uns ins Caritas Café zu kommen. Für Frauen wie sie bietet der Besuch bei uns Stabilität und Sicherheit. Sie nutzt den warmen Schutzraum, kann ein paar Stunden im Trockenen schlafen und Kraft tanken – für das Überleben auf der Straße.“

Stephanie Marino ist Sozialarbeiterin an der Caritas-Beratungsstelle „Existenz & Wohnen“, an der Menschen Hilfe finden, die es nicht mehr schaffen, ihren Lebensunterhalt und ihre Wohn- und Energiekosten zu bezahlen. „Viele unserer Klient*innen sind von manifester Armut betroffen. Aufgrund der hohen Mietkosten in Vorarlberg geben sie oft mehr als 40 Prozent des monatlichen Einkommens für das Wohnen aus. Vor allem alleinerziehende Frauen sind hier stark betroffen. Die meisten unserer Klientinnen gehen arbeiten, während ihre Kinder in Kinderbetreuungseinrichtungen sind. Für die Kosten der Kinderbetreuung erhalten sie zwar eine Förderung, oft ist aber schon der Selbstbehalt eine große finanzielle Hürde, beispielsweise, wenn sie nach einer Trennung noch keinen Unterhalt für ihre Kinder oder nur in geringer Höhe bekommen.“ So erzählt sie von einer jungen Mutter, die aus einer von Gewalt geprägten Beziehung flüchtete. „Solange sie noch verheiratet ist, hat sie keinen Anspruch auf verschiedene Unterstützungsangebote, wie beispielsweise die Wohnbeihilfe. Der Mann weigert sich, Unterhalt zu zahlen. Bis hier die behördlichen Verfahren abgewickelt sind, vergehen schnell mehrere Wochen, beziehungsweise Monate. Eine lange Zeit, wenn man von heute auf Morgen nicht weiß, wie man den Kühlschrank füllen und Miete bezahlen soll.“

Im Erstgespräch mit dieser Frau war es wichtig, sie über alle vorhandenen Beihilfen, beziehungsweise Möglichkeiten zur Verbesserung ihres Haushaltseinkommens zu informieren und einen Haushaltsplan zu erstellen. „Wichtig ist uns auch immer, dass die Menschen zu uns Vertrauen haben und wir konnten die Frau in Folge dazu ermutigen, dass sie Kontakt mit der Kinder- und Jugendhilfe aufnimmt, die sie bei Unterhaltsangelegenheiten unterstützt. Zudem wurden diversen andere Anträge wie beispielsweise einer ORF-Gebührenbefreiung gestellt sowie eine Überbrückungshilfe am Ende des Monats ausbezahlt, um die angespannte finanzielle Situation zu entlasten.“

Teuerung und Einsparungen verschärfen Armut – Kinder trifft es besonders
Durch Corona und die massive Teuerung ist die Zahl der Menschen, die in Österreich in manifester Armut leben müssen, von 1,8 Prozent im Jahr 2021 auf 3,7 Prozent im Jahr 2023 hochgeschnellt. „Auf diesem viel zu hohen Niveau sind wir stehengeblieben“, skizziert Caritasdirektor Walter Schmolly die Gesamtentwicklung. Auffallend in den Caritas-Beratungsstellen auch eine zweite Entwicklung: Die Probleme der Einzelpersonen und Familien, die ohne Unterstützung nicht über die Runden kommen, werden von Jahr zu Jahr komplexer und verfestigen sich. „Die Beratungen sind entsprechend aufwändiger und die Haushalte benötigen auch deutlich höhere Überbrückungshilfen und mehr Lebensmittelgutscheine“, beschreibt Walter Schmolly. 

Eine Gruppe, die überdurchschnittlich von Armut betroffen ist, sind Kinder – österreichweit sind 5 Prozent der Kinder von Armut betroffen (im Vergleich Gesamtbevölkerung: 3,7 Prozent), insbesondere Kinder aus Ein-Eltern-Haushalten und aus Familien mit mehr als drei Kindern. „In den ersten drei Quartalen des heurigen Jahres waren nahezu vier von zehn Personen, die über die Caritas-Beratungsstelle unterstützt worden sind, Kinder“, macht der Caritasdirektor bewusst. Eine neue Studie der Caritas zeigt zudem das hohe Risiko für Frauen auf, in die Armutsfalle zu geraten: Zehn Prozent der alleinerziehenden Frauen leben in manifester Armut und fünf Prozent der alleinlebenden Pensionist*innen. Zudem gibt es ein beträchtliches verstecktes Armutsrisiko bei Frauen, die in Partnerschaften leben und meist aufgrund von unbezahlter Care-Arbeit in der Familie kein eigenes existenzsicherndes Einkommen haben und im Falle einer Trennung in der Armut landen.

 

Wie antworten wir auf diese Situation?
Es braucht rasch wirksame sozialpolitische Maßnahmen, die auf die Überwindung der Armut und auf Chancen für alle Menschen abzielen. „Aktuell sehen wir die Gefahr, dass viele kleine Verschlechterungen in Summe die Situation von armutsbetroffenen Menschen nochmals spürbar verschlechtern: Gehälter werden unter der Inflationsrate erhöht, ebenso liegt Anpassung der Ausgleichszulage unter der Teuerungsrate; in der Sozialhilfe werden die Wohnkostensätze nicht valorisiert; im Gegenzug haben wir es aber mit einer Teuerung zu tun, die beispielsweise bei den Lebensmitteln sogar deutlich über der Durchschnittsteuerung liegt“, so Schmolly. „Alles in allem werden diese Entwicklungen die Situation armutsbetroffener Menschen in den nächsten Monaten nochmals verschlechtern. Dem muss politisch entschieden entgegengewirkt werden. Gerade in einer Zeit, in der im Sozialen an allen Ecken und Enden gespart wird, muss die Überwindung von manifester Armut für die Sozialpolitik prioritär sein.“

Und abschließend: „Die Möglichkeiten der Caritas in dieser Situation liegen darin, auf die Situationen und die Armuts-Entwicklungen hinzuweisen und die Betroffenen mit Überbrückungshilfen in der ärgsten Not zu entlasten und mit ihnen gemeinsam in der Beratung Möglichkeiten zu suchen, ihre Situation zu verbessern. Deshalb appelliert die Caritas dringend an den Zusammenhalt in der Bevölkerung: „Als Zivilgesellschaft sind wir ein wichtiges Rückgrat für soziale Sicherheit in solch´ unruhigen Zeiten, wie wir sie aktuell erleben. Fangen wir gemeinsam armutsbetroffene Menschen in schwierigen Lebenssituationen auf!“ Klares Ziel dabei ist es, in den nächsten Wochen und Monaten 1.000 armutsbetroffenen Familien in Vorarlberg zu helfen. „Im Voraus schon ein großes Danke für jede Spende!“ 

So können Sie helfen:

Caritas-Spendenkonto - Raiffeisenbank Feldkirch,

IBAN AT 32 3742 2000 0004 0006

Kennwort: Caritas Inlandshilfe 2025, Online-Spenden: www.caritas-vorarlberg.at