Seit 30 Jahren steht das Marienstüberl für Wärme, Würde und gelebte Nächstenliebe. Eine, die diesen Ort besonders prägt, ist Schwester Elisabeth, das Herz und Hirn der Einrichtung. Anlässlich des Jubiläums spricht sie über Veränderungen der Zeit, warum es das Marienstüberl noch immer braucht und was sie motiviert, den Menschen jeden Tag aufs Neue Hoffnung, Halt und eine gute Mahlzeit zu geben.
von Helene Bauer, Maria Hintermayr und Sofie Königshofer
Welche Bedeutung hat das Marienstüberl für die Menschen, die dort Hilfe suchen?
Ich möchte an einer Struktur festhalten, die Ordnung gibt. Treue im Gebet und in täglichen Ritualen gibt Halt, sonst ist alles verloren. Viele haben keinen Halt, gleiten ab in Gewalt oder landen im Gefängnis und dann kommen sie zurück – wohin sollen sie gehen? Darum ist das Marienstüberl für mich Familie und Gemeinschaft. Unser Auftrag ist, nie zu vergessen: In jedem Menschen wohnt Jesus. Ich sage Gott abends oft: Ich kann nicht alles tun, aber du kannst es ausbessern. Wichtig ist unsere Gemeinschaft mit über 60 Schwestern, die im Hintergrund betet. Mein Leitsatz ist: Zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen wirken. Es geht nicht nur um Hunger, sondern um innere Zufriedenheit.
Hat sich die Armut im Laufe der Jahre verändert, laut den Erfahrungen im Marienstüberl?
Also ja, das merkt man schon. Wir haben immer mehr junge Leute, vor allem mit Problemen wie Drogen- oder Spielsucht. Das sehe ich auch bei den Flüchtlingen: Manche sind „hinausgefallen“, nicht mehr mitgekommen und landen in einer Suchtproblematik. Ich bin oft erschüttert, wenn Menschen wieder auftauchen und ich sehe, wie entstellt und fremd ihr Aussehen geworden ist. Das ist sehr traurig, aber es bleibt die Herausforderung, weil die Liebe Gottes bis zum Ende mitgeht.
Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin hilft bei uns, weil ihr Sohn an Drogen gestorben ist. Sie sagte, er war sicher auch einmal im Marienstüberl und deshalb möchte sie jetzt helfen. Ähnliches erleben wir beim Alkohol. In einem Jahr sind drei unserer Besucher*innen am Alkohol gestorben. Wir haben sie zu Grabe getragen und das Grab hergerichtet. Auch das gehört zu unserem Dienst, weil wir spüren: Sie sind nicht verloren, und wir bleiben ihnen über den Tod hinaus verbunden.
Wie gehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der emotionalen Belastung in ihrer Arbeit um?
Manchmal belastet mich alles, aber dann lasse ich es im Gebet bei Gott. Ich tue, was ich kann, und das Weitere überlasse ich ihm. Es belastet uns, wenn etwas schief geht oder jemand sehr leidet, etwa bei Wohnungsverlust oder wenn jemand ins Gefängnis muss. Wir unterstützen, soweit wir können, aber nicht allein, sondern in Gemeinschaft.
Im Marienstüberl ist es wichtig, liebevoll mit Besuchern und Ehrenamtlichen umzugehen. Auch Zivildiener stehen vor einer großen Herausforderung. Aber sie sind meist sehr lieb zu den Menschen, auch wenn diese nicht immer lieb zu uns sind. Für mich ist es ein kleines Wunder, wie herzlich junge Menschen sein können und wie sehr sie mitfühlen. Das spüren die Besucher. Sie sind so sensibel.
Welche Herausforderungen gibt es und wann gab es Momente, die Sie zum Zweifeln gebracht haben?
Ich finde, der Umgang mit Suchtkranken gehört zu den schwierigsten Bereichen unserer Arbeit. Die Sucht zeigt sich in so vielen Formen, und jede bringt ihre eigenen Belastungen mit sich. Beim Alkohol erleben wir sehr oft Aggressivität, und es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn wieder jemand an seinem Konsum zugrunde geht. Die Drogensucht ist noch einmal anders. Viele junge Menschen kommen schon so früh in diese Abhängigkeiten hinein, dass sie nie in ein normales Leben finden. Manchmal erkennst du sie kaum wieder, so verändert oder entstellt sind sie. Und dann gibt es die Spielsucht, die besonders heimtückisch ist, weil man sie fast nicht sieht und dennoch zerstört sie Leben.
Aber wir können niemanden zwingen, sich zu ändern. Viele kommen aus Gefängnissen, aus Gewaltbeziehungen oder aus totaler Einsamkeit. Sie haben keinen Halt, keine Familie, niemanden, der sie auffängt. Und in solchen Momenten begreife ich immer wieder, wie wichtig es ist, dass wir ihnen im Marienstüberl ein Stück Geborgenheit schenken, das sie sonst nirgends finden.
Haben Sie das Gefühl, dass wir das Marienstüberl jetzt mehr brauchen als beispielsweise vor 30 Jahren?
Wir brauchen immer das, was den Menschen angemessen ist, das, was gerade notwendig ist. Wenn es kalt ist, braucht es mehr Unterstützung. Wenn es eine neue Flüchtlingswelle gibt, erleben wir wieder, dass mehr Menschen kommen. Wenn irgendwo ein Krieg ausbricht, wie zuletzt in der Ukraine, steigt der Bedarf enorm. Wir wissen das aus der Vergangenheit: Als der Ostblock zusammenbrach oder Jugoslawien zerfiel, standen wir vor großen Herausforderungen. Auch aus dem Nahen Osten kamen damals viele Menschen, und das Marienstüberl war während dieser Flüchtlingsströme immer besonders gefordert. Eines bleibt immer: die Armut. Und Jesus hat es selbst gesagt: “Arme wird es immer geben”.
Das ist eine wichtige Botschaft, denn es erinnert uns daran, dass Armut bestehen bleibt, solange die Ungerechtigkeit in der Welt nicht überwunden ist. Deshalb wird es immer Menschen geben, die auf der Seite der Not stehen und nicht genug zum Leben haben. Für mich ist es wesentlich, dass das Marienstüberl Essen anbietet. Wir wissen: Ein hungriger Mensch kann nichts aufnehmen. Es hilft nichts, wenn man sagt: „Jetzt soll der Psychologe kommen” Zuerst braucht es das Brot für den Leib, damit das Brot für die Seele wirken kann.
Wie ist die Zusammenarbeit von den Barmherzigen Schwestern und der Caritas?
Für mich ist es wichtig, dass wir zwar im Hintergrund stehen, aber dass wir als Schwestern sichtbar sind. Wir wissen, dass wir da sind, und wir tragen das von unserem Gründergeist her mit. Ich sage immer: Die Caritas ist die große Caritas und wir sind die kleine Caritas. Das gefällt mir, weil es tatsächlich so ist.
Man muss das Ganze betrachten und nicht nur in einzelnen Bereichen denken. Ich denke immer voraus, denn ich kann heute nicht alles hergeben und morgen nichts mehr haben – das funktioniert nicht. Dafür stehen wir hier vor Ort. Wir geben die Liebe Gottes auf diese Weise weiter.
Welche Rolle spielt die Freiheit des Einzelnen in der Arbeit mit den Menschen im Marienstüberl?
Ich bin nie böse auf jemanden, auch wenn die Person etwas Dummes macht. Es gibt Situationen, die mit Familienverhältnisse vergleichbar sind. Kinder trauen sich bei der Mutter alles, was sie sich sonst nicht trauen würden. Aber manchmal müssen auch Konsequenzen gezogen werden. Ich habe mehrere Menschen begleitet und für sie mitgedacht und gesorgt. Doch das hat auch Grenzen – das gilt für jede Mutter. Ich komme aus einer Familie mit neun Kindern und habe das dort gelernt: Man kann nicht alles gutheißen, und irgendwann müssen alle ihren eigenen Weg gehen. Dieses Loslassen und Abstand gewinnen ist eine Herausforderung, aber notwendig. Im Festhalten kann nichts bestehen. In der Freiheit der Liebe ist alles möglich.
Ich muss immer prüfen: Wie weit kann ich mitgehen, wo muss ich zurückgehen? Ein gewisser Grad von Nähe ist gut, weil die Menschen jemanden brauchen, dem sie vertrauen können. Doch darüber hinaus wird es schwierig. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen und ich muss jeden seinen Weg gehen lassen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Marienstüberls?
Ich würde hier noch einige Dinge verändern, vor allem im Bereich der Kleidungsausgabe. Im Winter leiden die Menschen hier wirklich Kälte. Es wäre wichtig, dafür mehr Platz zu schaffen, damit wir mehr anbieten können. Auch im Hinblick auf Duschmöglichkeiten wäre es gut, wenn wir etwas schaffen könnten, das noch mehr ein Gefühl von Zuhause vermittelt. Auch räumlich bräuchten wir dafür mehr Möglichkeiten. Aber natürlich müssen wir die Kosten bedenken, und das macht es schwierig. Es geht um diese grundlegende, einfache Hilfe: Essen, Kleidung, Hygiene und Schlafplätze. Es belastet mich, dass die Menschen so spät erst in die Notschlafstellen gehen können.
Wohin sollen sie gehen, wenn es draußen kalt ist? Man kann ja nicht stundenlang auf der Straße spazieren. Ich kann sie auch nicht an Orte schicken, wo Alkoholkonsum erlaubt ist. Wenn ich nicht trinken will, möchte ich nicht dort sitzen, wo alle anderen trinken – sonst fange ich vielleicht selbst an. Darum bin ich so dankbar, dass wir hier ein Alkoholverbot haben. Viele machen Entzüge oder Kuren und kehren danach in dasselbe Milieu zurück – dann ist alles vergeblich. Genau da liegt eines unserer großen Probleme.