„Das Stöbern in der Geschichte hat mich menschlich sehr berührt“

„Von der Kriegs- zur Friedens-Caritas“. Der Titel des neuen Buches des früheren österreichischen Caritaspräsidenten Franz Küberl mag auf den ersten Blick vielleicht etwas irritierend sein. Doch wer bei der Lesung im Dornbirner WirkRaum dabei war, merkte rasch: Es ist beeindruckend, wie schnell nach Beendigung des zweiten Weltkrieges Maßnahmen gegen Hunger durch die Caritas gesetzt wurden und wie diese Nothilfe später angepasst wurde, um den sozialen Frieden im Land zu sichern.


„Während meiner aktiven Zeit als Caritaspräsident hatte ich leider nur wenig Zeit, in die Geschichte der Caritas zu blicken. Das habe ich später nachgeholt und alle Protokolle der Direktorenkonferenzen von jetzt zurück bis 1937 nach hinten gelesen. Der Wagner-Verlag hat Interesse gezeigt, diese Geschichte in Buchform herauszubringen und so haben wir speziell die Jahre 1945 bis 1951 hervorgehoben“, erzählt Franz Küberl im Gespräch und nimmt die Zuhörer*innen gleich mit in die Vergangenheit: „1945 hat man beim Punkt Null wieder begonnen - mit beeindruckenden Leistungen.“ Besonders berührt habe ihn dabei, mit welcher Großartigkeit Menschen nach einer entsetzlichen Situation tatkräftige Hilfe für andere geleistet haben. „Wenn man bedenkt, dass bereits im Herbst 1945 fünfhundert Wiener Kinder zur Erholung nach Vorarlberg gekommen sind – das musste ja alles organisiert werden und auch Bauernfamilien in Vorarlberg hatten selbst ja auch keine Lebensmittel im Übermaß.“ Ein weiteres Beispiel sind die Lebensmittelsammlungen: So wurden bei der Caritas Wien im Jahr 1945 laut Archiv 142.000 Kilogramm Lebensmittel gesammelt. „Es hat mich beeindruckt, wie viele Menschen, die selbst fast nichts hatten, unmittelbar nach dem Krieg bereit waren, Hand anzulegen und das Wenige mit anderen zu teilen.“

Caritas: Ein Herzstück der Kirche
Drei weitere Erkenntnisse brachte die Recherchearbeit mit sich, wie der frühere Caritaspräsident erzählt: „Mir war überhaupt nicht bewusst, dass die Caritas als Hilfsorganisation der Kirche nach dem Krieg von den Bischöfen vollkommen neu aufgesetzt wurde. Inhaltlich sehr wichtig waren auch die Spannungen zwischen Menschen, die aus der Emigration, dem KZ oder einer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt waren und jenen, die daheim unter dem Krieg gelitten hatten. Alle waren sie in einer Starre und hatten nicht die Kraft, sich dem Leid der anderen zuzuwenden. Auch die Kinder, die vor den Bomben in die Keller geflüchtet waren, hatten über lange Zeit mit der Angst zu kämpfen.“ Noch mehr bewusst geworden sei ihm durch die Recherchearbeit schließlich, wie wenig die Menschen auch nach dem Krieg zu essen hatten. „Wenn ein Kind beispielsweise mehr als acht Zentimeter Oberarm-Umfang hatte, konnte es nicht mehr unterstützt werden, weil andere die Hilfe dringlicher benötigten.“

Blickwinkel Bildung
Die Wirren des zweiten Weltkriegs wirkten lange Zeit und auf vielfältige Weise nach, wie Franz Küberl in seiner Recherche-Arbeit feststellt: „In Kindergärten waren ja beispielsweise auch nach dem Krieg dieselben Mitarbeiterinnen tätig und mit ihnen die aus der Nazi-Zeit geprägte Pädagogik. Ein Kernpunkt war die Überzeugung, dass in jedem Kind ein bösartiger Wille steckt, der gebrochen werden muss. Diese `braune´ Pädagogik hat sich noch über viele Jahre nach dem zweiten Weltkrieg gehalten.“ Franz Küberls Buch „Von der Kriegs- zur Friedenscaritas - Ihre Pionierarbeit in Österreich von 1945 bis 1951“ endet mit dem ersten großen Auslandshilfe-Einsatz nach der Überschwemmung des „Etsch“ von Norditalien bis an den Po. Wer tiefer in die Geschichte eintauchen möchte: Erschienen ist das Werk im Wagner Verlag Linz und ist im ausgewählten Buchhandel erhältlich.