Wenn das Gefühl der Sicherheit brüchig wird …

Vivien Fritsche über Armut, gesellschaftlichen Wandel und die Kraft des Zusammenhalts

Viele Menschen erleben derzeit, dass Dinge, die früher selbstverständlich waren – leistbares Wohnen, finanzielle Stabilität oder Planbarkeit – zunehmend unter Druck geraten.“ Als Sprecherin der Vorarlberger Armutskonferenz setzt sich Vivien Fritsche tagtäglich für armutsbetroffene Menschen hier im Land ein. „Besonders sichtbar wird Armut beim Wohnen. Wir sehen in Vorarlberg mittlerweile eine enorme Wohnkostenbelastung, die längst nicht mehr nur klassische Armutsgruppen betrifft. Unsicherheit und Armutsrisiken erreichen immer breitere Teile der Gesellschaft. „Wir müssen Antworten finden, wie sozialer Zusammenhalt und Sicherheit erhalten werden können. Wir sind mitten in einem Prozess, in dem die große Erzählung des `ewigen Wohlstands´ in Europa sehr brüchig wird.“

Verantwortung übernehmen

Vivien Fritsche ist eine „Anpackerin“: „Für mich bedeutet das, Verantwortung zu übernehmen und sich einzubringen, statt nur zuzuschauen.“ Seit rund zehn Jahren arbeitet sie in der Caritas. Nach verschiedenen Aufgaben und Leitungsfunktionen in der Flüchtlingshilfe hat sie in den Fachbereich PfarrCaritas & Sozialräumliches Handeln gewechselt. „Dort beschäftige ich mich heute vor allem mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen, sozialräumlicher Entwicklung und der Frage, wie Zusammenhalt auch in schwierigen Zeiten gelingen kann.“ Die Caritas biete unglaublich viele Möglichkeiten, zu gestalten: „Hier treffen soziale Fragen, gesellschaftliche Veränderungen, Klimathemen und Fragen des Zusammenlebens unmittelbar aufeinander. Das macht die Arbeit manchmal fordernd, aber auch unglaublich spannend.“ Und auch nach zehn Jahren stoße sie fast täglich auf Themen, bei denen sie sich denke: „Genau dafür lohnt es sich, Energie und Zeit zu investieren.“

Familie und Beruf gut verbinden

Als zweifache Mutter ist der Alltag für die Ludescherin oft herausfordernd: „Ich wollte immer Familie und Beruf so verbinden, dass keines von beiden dauerhaft zu kurz kommt. Mit zwei kleinen Kindern merkt man aber schnell, dass das nicht immer perfekt funktioniert. Es gibt Phasen, in denen alles gleichzeitig kommt und man weder überall präsent noch überall gelassen sein kann. Ich glaube, genau deshalb braucht es Verständnis – sowohl im privaten Umfeld als auch am Arbeitsplatz. Und es braucht eine gewisse Gnade gegenüber sich selbst.“ Sie selbst habe das große Glück, von der Familie sowie von der Caritas als Arbeitgeberin gut unterstützt zu werden. „Die Flexibilität bei Arbeitszeiten und die grundsätzliche Haltung gegenüber Familien machen einen enormen Unterschied. Niemand reagiert mit Ärger, wenn ein Termin abgesagt werden muss, weil ein Kind krank ist. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Und genau das reduziert Druck. Menschen sollten nicht permanent das Gefühl haben müssen, Familie und Arbeit gegeneinander ausspielen zu müssen.“

Was zufrieden macht …

Die studierte Geographin ist überzeugt, dass Menschen auch im Job nach Sinn, Vertrauen und Gestaltungsmöglichkeiten suchen. „Gerade im Sozialbereich kommen viele Menschen mit einer hohen inneren Motivation in den Beruf. Die Aufgabe von Arbeitgeber*innen ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen diese Motivation nicht verloren geht. Das bedeutet für mich: gute Zusammenarbeit, ehrliche Kommunikation und Strukturen, die Menschen nicht ausbremsen. Nicht vergessen möchte Vivien Fritsche schließlich auch die vielen freiwilligen Mitarbeiter*innen: „Viele dieser Menschen leisten seit Jahren unglaublich viel, oft still im Hintergrund und ohne große öffentliche Aufmerksamkeit. Ich glaube, wir unterschätzen manchmal, wie sehr unsere Gesellschaft auf dieses Engagement angewiesen ist. Sie sind für mich die stillen Heldinnen und Helden unserer Gesellschaft.“